30 Mai 2007

Südamerika - ein Rückblick

Der Garchinger Journalist Patrik Stäbler hat im Sommer sein Studium beendet. Nun erfüllt sich der 27-Jährige einen Traum: In sieben Monaten reist er einmal um die Welt. An dieser Stelle berichtet er alle zwei Wochen von seinen Erlebnissen.

Mendoza, Argentinien (ps) – Anfangs war ich enttäuscht von Südamerika. Oder besser: Der Kontinent hat mich überrascht. Zugegeben, ich hatte mich nie viel mit Südamerika beschäftigt, doch wie jeder, so hatte auch ich Vorstellungen. Argentinien, Bolivien, Chile – für mich klang das nach Gesetzlosigkeit, Che Guevara und einem Hauch Anarchie. In etwa wie der Wilde Westen, nur in Spanisch und ohne Indianer. Ich erwartete Gauchos mit dicken Schnurrbärten, die Rinder durch die Straßen treiben und Kokablätter kauende Frauen in weiten Röcken. Auch mit zwielichtigen Gestalten rechnete ich, die mit der Zigarette im Mundwinkel in dunklen Gassen lauern, um leichtsinnigen Gringos ein paar Peso abzuknöpfen.
Dann kam ich nach Santiago, Chiles Hauptstadt. Der Flughafen war sauberer und besser organisiert, als ich es aus vielen Orten Europas kenne. Im klimatisierten Bus ging es ins Zentrum. Dort angekommen, traute ich meinen Augen nicht. Statt Cowboys zogen Businessleute im Anzug durch die Straßen. Nicht Panflöten oder Gitarren, sondern Handy-Klingeltöne drangen an mein Ohr und keine 100 Meter entfernt leuchtete das Symbol der Westlichen Welt schlechthin – die goldenen Bögen von McDonalds. Da zog vor mir eine Gruppe Jugendlicher vorbei. Während die Jungen in ihrem Aussehen den Idolen aus MTV nacheiferten – das heißt: möglichst aussehen, als wäre man aus dem Gefängnis ausgebrochen – schienen die Mädchen einen Wettbewerb auszutragen, wer den kürzesten Rock und das meiste Make-Up trägt. Kurzum, es war wie Zuhause.
Seitdem bin ich zwei Monate durch den Kontinent gereist und war oft überrascht, wie modern, kommerziell und westlich viele Orte in Chile und Argentinien sind. Doch ich habe auch das andere Südamerika erlebt, etwa im bolivianischen Uyuni. Dort liefern sich Kinder keine Modewettbewerbe, sondern betteln in Unterhemd und Sandalen. Horden von abgemagerten Hunden liegen in den von Müll gesäumten Straßen und mein Hotel hätte nicht einmal die Hygienestandards einer deutschen Bahnhofstoilette erfüllt. Statt bei McDonalds aß ich an einem Marktstand undefinierbare Speisen. Am Tag danach las ich im Reiseführer: An eben jenem Markt herrscht akute Cholera-Gefahr. Sie merken: Dieses Südamerika hatte mit Europa in etwa so viel gemein, wie Ottfried Fischer und Magersucht – doch gerade das machte es interessant. So habe ich mittlerweile ein anderes Bild von Südamerika und heute, zwei Tage vor meiner Abreise, steht fest: Der Kontinent hat meine Erwartungen übertroffen.

In: Münchner Merkur 2./3. Juni 2007

Die zwei Gesichter Südamerikas: Eine Einkaufsmeile in Buenos Aires (Foto 1) sowie die Hauptstraße im bolivianischen Uyuni (Foto 2)
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Hier findet Ihr Fotos aus dem wunderbaren, aber eisig kalten Buenos Aires (2-5 Grad Tagestemperatur. ZWEI! Grad) zusammen mit einigen kurzen Kommentaren. Zu einem vollständigen Bericht hat es nicht gereicht, schließlich ist mein ganzes Kreativitätspotenzial derzeit mit der Aufgabe beschäftigt, eine gelungene Antwort auf die nach meiner Rückkehr wohl unvermeidliche Frage zu finden: "Und, wie wars?"

1 Comments:

At 9:34 PM, Anonymous Martin said...

Servus Patrik,

hab mir gerade noch mal die komplette Bilderflut am Stück gegeben. Ich stelle fest: Die Frage "Wie war's?" erübrigt sich. Das sieht man doch. Danke für unterhaltsame sieben Monate aus dem Neonlicht der Garchinger Redaktionsstube. Deine Antwort würde mich trotzdem interessieren.

 

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